Die Pest

1

In ihrer vollen Blüte erschien die Stadt an solchen Tagen prachtvoll, mit den kostümiertem Adel, Minnegesängen, königlichen Speisen und Weinen aus fernen Ländern. Denn das Fest der Freude und der Verkleidungen entzückte die Oberschicht. Diejenigen, die dem Lachen dieser Feste nachgingen und in ritterlichen Gewandungen tanzten und plauderten, sie amüsierten sich an den Narren, die Vorstellungen dieser Abende. Wie offenherzig sie die Freuden in sich aufnahmen, lachend vor Begeisterung und schmausend um ihr Ansehen rein zu halten. Doch die andere Seite sahen sie nicht. Sie schauten nie hin und werden sich auf ewig abwenden. In jener Stadt war das Grauen in den Augen der kleinen Kinder zu sehen. Etwas, das noch nie da gewesen war berührte die Bewohner bis aufs Blut. Sie vergnügten sich vor den Augen der Verdammten, die sie erwartungsvoll ansahen. Doch das Leid dieser armen Seelen wurde von den Herrschaften ignoriert und als Nichtigkeit eingestuft. Jene müssten sich nicht jeden Abend sorgen machen, ob sie am nächsten Tag noch lebten oder schon vor Hunger im Schlafe den Tod fanden. Oh nein, ich zweifle sogar nicht an den Worten:
>>Dieses Pack ist selbst daran schuld, sie hätten es besser wissen müssen. Und jetzt verdrecken sie die Straßen und bringen die Diebschaft ein. <<
Dieses Gefasel hörte man an jeder Ecke dieser verlorenen Stadt und auf dem Friedhof häufen sich die Gräber ohne Namen, deren Glück bei dieser Evolution verloren ging und der Glaube an Gott und die Hoffnung verschwand.

In dem nassen, schmutzigen und mit Gestank bestückten Kanälen der Stadt, hörte man, wenn man die Ohren eines Fuchses hätte, ein leises Schluchzen. Die Augen eines Falken nur, würde dieses Wesen beobachten können. Doch konnte ein kleines Mädchen die bevorstehende Bedrohung nur empfinden. Sie hoffte in Sicherheit zu sein, als sie dieses Versteck fand. Doch nun glaubte sie zu träumen, als ein Schatten sich bewegte. Erst war es nur schemenhaft zu erkennen, dann nahmen die Fetzen der Dunkelheit eine Form an. Das Mädchen schloss ängstlich die Augen und wagte keinen Laut von sich zu geben. Der Schatten kam näher und reichte ihr die Hand. Seine Stimme war sanft und sonderbar beruhigend. Er flüsterte ihr all die schönen Dinge zu, die ein kleines Kind hören mag und folgte ihm zögerlich. Doch wusste sie sehr wohl, dass es falsch war. Die Tränen rollten ihr über die Wangen und ihre kleinen schmutzigen Hände spielten unkontrolliert mit ihrem zerrissenen Kleidchen.
>>Hab keine Angst. Du bist in Sicherheit wo nichts Böses dir widerfahren wird, du kannst mir vertrauen. Ich werde dich beschützen, kleine Filia. <<
Oh, welche charmanten Worte doch über seine Lippen, hinauf zu ihrem Verstand und hinab zum Herzen wanderten. Er brauchte sie, mehr als es ihr lieb war. Er forderte das Wesen wie die Nacht die Dunkelheit und der Mond das Zwielicht auf, ihm gehorsam zu sein. Sie wagten ein Spiel, so glaubte sie es einst. Der Tag war für ihn, wie für die Bewohner, der kaltherzigen Stadt, die Nacht. Und so wurde Filia auf die Probe gestellt und musste mit seinen Worten die Menschen verzaubern. Dafür zeigte er ihr bei Nacht, was Leben ist. Neue Kleider, frisches Essen, köstliche Getränke aus tropischen Früchten, Gesellschaftstänze und an manchen Nächten saßen sie beisammen. Dann erzählte ihr Josef aus seinem früheren Leben. Märchenhafte Geschichten von Schiffen auf hoher See und von den andauernden Nächten des Nordens. Er lehrte ihr die Fehler, die man machen konnte und wie sie vermied.
So gingen die Jahre ins Land und damit auch an dem Mädchen vorüber. Filia prägte sich als junge Frau doch der Vampir zeigte keine Veränderungen; keine Falte, die das Gesicht jener Menschen prägt, die das hohe Alter erreichten. Seine eisblauen Augen und seine weiße Haut, sowie sein vornehmes Auftreten, war noch immer Bestand seiner vertrauten Gestalt.

Zu jener Zeit waren die Menschen vorsichtiger denn je. Daher wurden sie durchleuchtet, mit Namen, Aussehen, Wohnsitz und Stand auf ein stück Papier geschrieben und mit einem Stempel besiegelt. Viele verloren ihr Gesicht und das meine ich wörtlich. Zu riskant um zu verweilen, also beschlossen sie weiter zu ziehen. In fernen Ländern, wo man sie nicht kannte.
Sie packten ihr Hab und Gut zusammen und verließen durch einen geheimen Gang unter dem Anwesen dieses schreckliche Bild der Zerstörung. Zu Fuß rasten sie durch den Fichtenbesetzten Teil des Anwesens. Ein kleiner Pfad nur erinnerte sie daran, dass sie das Richtige tun. Schon bald sahen sie die Gleise und den Zug, der qualmend an dem kleinen Bahnsteg wartete. Gehetzt und außer Atem wiegten sie sich in Sicherheit. Voller furcht beobachtete Filia, wie das Haus und die brennenden Scheiterhaufen immer kleiner wurden. Doch schon bald schlief sie in den Armen von Josef ein. Der Mond schien ihr aufs Gesicht und ließ sie in dem wundersamen Licht erscheinen. Er musterte ihr elegantes Antlitz, ihr braunes Haar, die helle Haut mit ihren erröteten Wangen, das Auf und Ab des kleinen Körpers; Anzeichen des Lebens. Er spürte ihren Atem, wie kleine heiße Finger, die ihn an seinen Hals entlang fuhren. Er schaute hinaus und betrachtete den nächtlichen Himmel. Dieses elende Geräusch, welches der Zug machte, erinnerte ihn an das Zertrümmern von Knochen. Und er stellte sich vor, wie viele Leichen dieser Zug schon überrollt haben mag.
Ein Lächeln umspielte seine Lippen, kaum merklich für einen Sterblichen.
Die Zeit verging zu schnell, als dass dieser wundersame Moment hätte ewig andauern können.
Quietschend hielt der Zug und eilig gingen sie hinaus ins Freie.
Hinter dem Bahnhofsgebäude sahen sie auch schon die Kutsche, mit der sie weiter fuhren. Der Kutscher ließ das Zwei-Pferde-Gespann traben und man hörte das Klacken der Hufen auf dem Pflaster der Straßen. Nebel zog auf und ließ sie verhüllt des Weges ziehen. Außerhalb, aber nicht weit weg von den Lichtern der Stadt, hielt die Kutsche plötzlich an. Ein Nachtwächter kam mit einer Laterne an das Fenster, leuchtete hinein und nickte begrüßend. Daraufhin öffnete er das große, in seinen Angeln laut wimmernde Tor und ließ sie weiter. Man sah nicht viel von dem prächtigen Garten doch umso mehr sah man das riesige Haus. Es brannte noch Licht trotz der späten Stunde. Die Kutsche hielt vor der Tür an und die Beiden steigen aus. Josef ging zielstrebig an die Haustür, das alte Holz verriet den Reichtum der Herrschaften, die hier gelebt haben und noch darin verweilten. Ein in schwarz gekleideter Bote öffnete die Tür. Ohne einen Gesichtsausdruck bat er sie rein, die rechte Hand wies ihnen den Weg.
Ein merkwürdiger Geruch blies ihnen entgegen. Eine Mischung aus Jasmin und alten Möbeln.
Das Anwesen war prächtig ausgestattet, eine riesige Empfangshalle mit Treppen, die geschwungen den Weg ins nächste Stockwerk zeigten.
Die Wände waren über und über mit Kunstwerken bedeckt, Gemälde der alten Zeit.
Sie betraten das Haus mit bewundernden Blicken und Filia’s Augen wichen nicht mehr von einem Gemälde ab. Es zeigt ein junges Mädchen mit braunen Locken und ein Tuch umrahmt ihr ausdruckstarkes Gesicht und ein dunkelroter Überwurf hing schlaff von ihren Schultern. Der dunkle Hintergrund ließ sie erschaudern und merkte nicht, dass ein junger Mann neben ihr stand.
>>Verzeiht meine Dreistigkeit, wenn ich euch nicht beim Namen nenne. Ihr scheint recht angetan zu sein von der kleinen Lady in rot. <<
Gefasst doch mit pochendem Herzen blickte sie zu ihm. Seine Gestalt, hoch gewachsen und schlank. Rotblondes Haar, Koteletten bis zu seinen Wangen. Die Sommersprossen konnte sie nur erahnen, da hier ein schlechtes Licht herrschte.
Filia wollte etwas sagen, doch nickte dann nur und vernahm, wie Josef sie zu sich rief.
Sie bekam nicht mit, wie er mit dem Herren des Hauses sprach, sie kannten sich anscheinend. Mr. Carpendale wies ihnen ein Gemach zu und die Gewissheit, hier verweilen zu können, solange wie ihnen der Sinn danach stand, bestärkte ihre Auffassung der Freundschaft zwischen ihnen. Der Diener half ihnen beim Tragen des Gepäcks und Alex begleitete sie die Treppe hinauf.
Jede fünfte Stufe knarrte beim Betreten ihr Klagelied und am Ende des Ganges; die dunkelbraune Tür wurde geöffnet, das Gepäck behutsam abgestellt, ließen sie die Gäste allein.
Das Zimmer stellte sich mit dem Balkon, den großen Fenstern und den üppig bestücktem Inneren als höchst angemessen dar. Die Wände mit grünem Brokat ausstattet, schwere Vorhänge in einem Weinrot getaucht verhinderten den Einlass der Sonnenstrahlen bei Tag.
Kunstvoll geschnitzte Möbel, ein Himmelbett wie man es sich nur vorstellen konnte.

Die Liebe zwischen den Beiden war nicht mehr die eines Vaters und seiner Tochter, sondern wohl eher die einer besonderen Freundschaft. Beide von Schönheit und Grazie versehen jung und unberechenbar. Doch Josef war nun fast 600 Jahre alt und Filia 21, goldene Zeit. Sie machten sich für das Bett zurecht, eng umschlungen lagen sie da. Sie liebten sich auf eine besondere Art und Weise. Diese Vertrautheit lässt sie dahinschwinden und so schliefen sie ein. Die Vorhänge fest verschlossen und die Decken an dem Himmelbett ebenso zugezogen.

An dem folgenden Tag machte sich Filia noch im Nachthemd nach unten in die Küche auf. Sie wurde recht unsanft geweckt, ein tosender Lärm ließ sie aufschrecken. Welcher Lärm fragt ihr? Josef ließ eine Geburtstagsparty organisieren. Schließlich wurde sie nun 21. Auf ihrem Weg begegneten ihr viele Menschen, die Blumen, Stühle und andere Dinge trugen. Etwas erschrocken über ihre Erscheinung und auch nervös, da jeder wusste, wer sie war, hielten sie inne.
Sie betrat die Küche. Wo eben noch geklappert und geredet wurde, herrscht nun Stille.
Mehr als eine Handvoll Bedienstete machten das Essen zurecht und Filia berührte nichts dergleichen. Sie ging ruhigen Schrittes auf das Begehrte zu, nahm es sich und schlich von dannen. Als die Tür hinter ihr zuging konnte man wieder das Geschnatter hören. Auch dies kümmerte sie wenig. In der einen Hand trug sie das Glas Milch und in der anderen einen grünen Apfel. So ging sie nun in einen recht gemütlichen Raum, großer Tisch, viele Stühle, weiter Saal ausstattet mit Skulpturen der alten Zeit. Nein gemütlich war er wohl nicht, doch hier konnte man sich ruhig hinsetzen, ohne gestört zu werden. Nun, dies tat sie auch und genoss den angebrochenen Tag.
<> zu früh gefreut, denn Alex kam herein und setzte sich.
Er kam nicht allein. Sein Vater war ebenso anwesend. Die Zeit verrann so schnell, Dienstboten brachten ihnen ein hervorragendes Frühstück, tischten alles auf, was dessen Herz begehrte.
<> sie blickte auf, ihre Hände ums Glas geschlungen, völlig ruhig.
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<>
<> sagte Mr. Carpendale, ein stattlich aussehender Mann, schon in die Jahre gekommen, mit grauem Haar und müden Augen.
<>
Mit diesen Worten widmete sich Filia wieder ihrem Frühstück und schaute ab und zu aus dem Fenster. Ihr war nicht nach einem ausgiebigen Gespräch über vergangene Tage. Darum schwiegen sie.
Doch nach diesem morgendlichen Mal, einem Bad und unzählige Kleider später, kam Alex zu ihr und bot sich als Führer über das Besitztum an. Er zeigt ihr alles, erzählte jedes Detail über die Rosen, den Springbrunnen und warum gerade dort drüben der Rasen grüner wächst. Natürlich möchte ich ihnen das Ausführliche ersparen.
Als sie den Irrgarten erreichten, brach die Abenddämmerung an und tauchte den Himmel neben Azur, Rose und Lila in ein sinnliches Mahagoni. Sie gingen ohne Sinn und Verstand durch die Gänge aus Buchsbaumhecken, die so hoch waren wie eine Stadtmauer. Sie erzählten viel von einander und so langsam fanden sie sich sympathisch. Alex schaute auf und dann in ihr Gesicht, als wäre ihm soeben eine Idee gekommen, die unbedingt erzählt werden musste.
<> er nahm ihre Hand und zog sie hinter sich her.
<> sagte sie, folgte jedoch blindlings.
<>
Er schloss das verrostete Tor auf und mit einem schrillen Geräusch öffnete Alex den einen Flügel. Dieser Teil des Gartens zeigte sich dicht bewachsen und ein dünner Trampelpfad, kaum zu sehen, erwies sich als einziger Anhaltspunkt. Sie entdeckten einen Eingang, umgeben von schwarz erblühenden Rosen. Der Boden auf dem sie gingen wurde schwärzer und je näher sie der Tür kamen umso trister wurde die Landschaft. Die Erde wurde trocken und wies Risse auf, es war totenstill. Trotz der warmen Jahreszeit gefror ihnen das Blut in den Adern, als sie den Korridor betraten. Es war unheimlich in diesem Gang. Bilder, derer Augen sie verfolgten, steinerne Statuen, die wie erstarrte Wächter aussahen, deren Herzen noch blutig im Inneren schlugen. Jede zeigte eine eigene Persönlichkeit und sah dadurch so echt aus als würden sie, wenn man nicht hin sah, sich bewegen. Vorsichtig huschten sie auf das Ende des Ganges zu. Filia verstand nicht, wo das noch hin führen sollte, da keine Tür und keine Fenster existierten.
<> er suchte an dem rauen Gestein nach einer Art Hebel. Plötzlich gab ein Stein nach und ließ sich eindrücken. Die Wand bewegte sich krachend und es kam ein Raum zum Vorschein, der durch das Tageslicht hell beleuchtet war.
<> sie traten herein und Filia stockte der Atem.
<>
Ihre Augen leuchteten und sie lächelte.
<> und zeigte nach oben auf die Glaskuppel.
Die bunten Teile ergaben das Abbild unserer Kontinente und wenn die Sonne hoch am Himmel stand, konnte man die Welt auf den Steinen der Bibliothek sehen.
Die Regale an der Wand reichten bis an die Decke aber es befand sich keine Leiter, um bis nach oben zu kommen. Neugierig zog sie ein paar Bücher aus dem Regal, vergnügte sich an den alten Lederumschlägen und las ihm einige Zeilen vor.
Nun saßen die Beiden auf den Boden der Bibliothek und Filia begann.
<>
Sie vergaßen die Zeit und Alex genoss ihre Stimme so sehr. Er lehnte sich an ihre Schulter und es schien ihr nichts aus zu machen. Drum schloss er noch seine Augen um die Geschichte auch zu sehen, die sie so wunderschön erzählte. Aber als es immer dunkler wurde und ihr die Augen schmerzten hörte sie mit lesen auf.
<> sagte Sie.
Träge lustwandelten die beiden durch den Garten in das Haus zurück. Dort fanden sie den Speisesaal bereits festlich gedeckt vor, die Köche waren ausgelastet und die Diener schienen sichtlich erschöpft. Die Gäste trudelten so langsam ein und nahmen an den Tischen platz, versammelten sich auch in stehen in kleineren Grüppchen zusammen, lachten, tranken und es kehrte Leben ein.
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